Anregungen und Gedanken des Bundesverbands der Schriftdolmetscher*innen zur Anfrage des Deutschen Schwerhörigenbunds zum Konsultationsprozess „Teilhabe von Menschen mit Behinderungen unter den Bedingungen der Corona- Pandemie“

Berlin, 29.10.2020

Im Zuge des DVfR- Konsultationsprozesses hat sich unser Verband mit folgender Stellungnahme beteiligt: In diesem Schreiben finden Sie die Einschätzung des Bundesverbandes der Schriftdolmetscher*innen in Deutschland zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie und den damit verbunden Herausforderungen für unsere hörgeschädigten Kund*innen. Uns geht es darum, die Auswirkungen und Herausforderungen zu beschreiben, die wir seit Auftreten der Corona-Pandemie als Schriftdolmetscher*innen in unserer Arbeit für unsere Kund*innen wahrnehmen. Diese Herausforderungen und Probleme betreffen dabei verschiedene Themenfelder der Rehabilitation und Teilhabe, so dass wir keine explizite Zuordnung zu den vorgeschlagenen fünf Feldern vorgenommen haben.

1. Verlagerung der Kommunikation in den Online-Bereich

Mit Auftreten der Corona-Pandemie haben sich in vielen Fällen Aktivitäten in den Online-Bereich verlagert. Dies betrifft z.B. Besprechungen im Arbeitsleben, Fortbildungen, Schulunterricht, Vorlesungen, Tagungen, Sitzungen aber auch kulturelle Angebote. Hierdurch ergeben sich für Menschen mit Kommunikationseinschränkungen besondere Erschwernisse.

Im Rahmen von Videokonferenzen ist das Mundbild der Sprecher*innen nicht oder nur teilweise sichtbar, die Übertragung von Ton und Bild ist technisch bedingt häufig nicht synchron. Nonverbale Informationen, die beim Präsenzgeschehen zu einem besseren Verstehen führen, fehlen online.

Die eingesetzten Online-Konferenzsysteme sind vielfältig, der Umgang damit unterschiedlich. Für viele unserer Kund*innen stellt dies eine hohe Hürde dar, besonders dann, wenn kein profundes technisches Verständnis für digitale Lösungen vorhanden ist. Die technische Ausstattung zuhause sowie die Qualität der Internetanbindung vieler Teilnehmer*innen ist ebenfalls oft unzureichend. Mit dieser Problematik haben alle Nutzer*innen digitaler Angebote zu tun, Menschen mit Höreinschränkung sind aber in besonderem Maße betroffen, da verbale Erklärungen und Erläuterungen für sie nicht im gleichen Umfang nutzbar sind wie für guthörende Menschen.

Leider erleben wir nicht selten, dass Menschen mit Hörschädigung bei Online- Konferenzen ausgegrenzt werden. Treten bei ihnen technische Schwierigkeiten auf, werden sie mitunter nicht ernst genommen oder übergangen. Schriftdolmetscher*innen können bei der Online-Kommunikation eine wichtige Unterstützung liefern. Aufgrund der o.g. Problematik sind wir Schriftdolmetscher*innen dabei oft nicht nur in unserer eigentlichen Rolle tätig, sondern leisten regelmäßig intensiven technischen Support, teilweise nebenbei zur Mitschrifterstellung über Chat oder andere Kanäle. Dies stellt für uns eine erhebliche Mehrbelastung dar, die in Einzelbesetzung nicht zu leisten ist.

Die Abstimmung und Klärung der technischen Möglichkeiten im Vorfeld einer Online- Dolmetschung ist für uns Schriftdolmetscher*innen oft langwierig und kompliziert. Der damit verbundene Zeitaufwand wird uns in der Regel nicht vergütet. Auch die Kund*innen erfahren eine zusätzliche Belastung durch die virtuelle Teilnahme an einem Dolmetschsetting – wird die Technik vor Ort in Präsenzeinsätzen ausschließlich von den Schriftdolmetscher*innen gestellt und bedient, so wird ein nicht unerheblicher Teil der technischen Realisierung beim Online-Dolmetschen auf die Kund*innen übertragen. Dies führt zu einer Mehrbelastung und entspricht unserer Meinung nach nicht mehr der umfänglichen Dienstleistung, die wir in Präsenzeinsätzen anbieten. Zudem erschweren datenschutzrechtliche Restriktionen in vielen Unternehmen und vor allem Behörden den Einsatz des Online-Schriftdolmetschens oder machen ihn unmöglich. Auch bei Video-Sprechstunden im medizinischen Bereich ist der ergänzende Einsatz von Schriftdolmetscher*innen aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken schwierig. Die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Höreinschränkung haben sich durch die Verlagerung vieler Aktivitäten und Veranstaltungen in den Online-Bereich aus unserer Sicht deutlich verschlechtert.

Es bedarf einer Sensibilisierung für diese Problematik in der Gesellschaft, besonders bei

Arbeitgebern und Kostenträgern.

Aufklärung, Beratung und Schulung, z.B. durch die Selbsthilfeorganisationen und die Integrationsfachdienste spielen hierbei eine wichtige Rolle. Der Anteil an Online-Terminen wird auch nach der Corona-Pandemie auf hohem Niveau bleiben. Menschen mit Höreinschränkung sollten deshalb in diesem Bereich der Digitalisierung fit gemacht werden.

2. Auswirkungen der Pandemie auf Präsenz-Unterstützung durch Schriftdolmetscher*innen

Aufgrund geltender Hygienebestimmungen ist es Schriftdolmetscher*innen in vielen Situationen nicht mehr möglich, vor Ort für Menschen mit Hörschädigung tätig zu werden.

Geltende Bestimmungen führen z.B. dazu, dass für Dolmetscher*innen bei Besprechungen „kein Platz mehr ist“. In Krankenhäusern oder Rehaeinrichtungen ist aufgrund sehr strenger Regelungen und teilweiser Besuchsverbote ein Zugang von Schriftdolmetscher*innen nicht (mehr) möglich. Umgekehrt haben wir in den letzten Monaten erlebt, dass Schutzkonzepte der Veranstalter nicht ausreichend waren, wodurch wir Schriftdolmetscher*innen uns trotz eines eigenen strengen Hygienekonzeptes einer Gefährdung ausgesetzt fühlten.

Vor dem Hintergrund, dass wir Dolmetscher*innen in der Regel viel unterwegs sind und zahlreiche Begegnungen haben, gefährdet dies nicht nur unsere eigene Gesundheit, sondern auch die unserer Kund*innen. Einige Kolleg*innen haben deshalb in den letzten Monaten auf Präsenzeinsätze verzichtet. Dies verschärft nicht nur die teilweise massiven wirtschaftlichen Verluste, die sich seit dem Lockdown für unsere Berufsgruppe ergeben haben, sondern reduziert auch die Verfügbarkeit geeigneter Schriftdolmetscher*innen für unsere Kund*innen.

3. Einsatz von automatisierter Spracherkennung

Im Rahmen von Online-Formaten setzen einige Veranstalter und Organisatoren auf automatisiert erstellte Untertitel, in der Annahme, damit der Barrierefreiheit Genüge zu tun. Diese KI-gestützten Systeme erreichen jedoch bei weitem nicht die Qualität, die für unsere Kund*innen in ihrem Kontext für eine adäquate Teilhabe erforderlich wäre. Besonders in Live-Situationen und bei mehreren Teilnehmer*innen sind diese Systeme aus unserer Sicht völlig unzureichend und können die Arbeit qualifizierter Schriftdolmetscher*innen nicht ersetzen.

4. Fazit

Menschen mit Hör- und Kommunikationseinschränkungen sind ohnehin durch die zunehmende Vielfalt und Geschwindigkeit in der täglichen Kommunikation sehr belastet. Durch die Corona-Pandemie hat sich ihre Situation extrem zugespitzt. Hier besteht aus unserer Sicht die große Gefahr, dass der ohnehin fragile Fortschritt in der Barrierefreiheit für hörgeschädigte Menschen zum Stillstand kommt oder sogar Rückschritte macht. Wir sind der Meinung, dass die Unterstützung für Menschen mit einer Hörschädigung gerade in diesen Krisenzeiten erheblich ausgebaut werden muss. Dazu zählen neben Unterstützung bei der Digitalisierung in Hard- und Software auch die Sensibilisierung der Kostenträger und proaktive Angebote für sowohl Kostenträger und Arbeitgeber als auch hörbehinderte Menschen im Umgang mit dem Online-Schriftdolmetschen. Barrierefreiheit muss ausgeweitet werden mit niedrigschwelligen digitalen Angeboten, auf die jede*r Hörgeschädigte problemlos Zugriff hat.

Mit freundlichen Grüßen

Der Vorstand des Bundesverbandes der Schriftdolmetscher*innen Deutschlands e. V.

(BSD)